Georgien im Mittelalter

von Dr. Tamas Gwenetadse


Die Georgier nennen ihre Heimat Sakartwelo. Das Land zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, das im Norden vom Großen und im Süden vom Kleinen Kaukasus eingerahmt wird, hat etwa 69.700 Quadratkilometer Fläche und 5 Millionen Einwohner. Die Georgier gehören zu den ältesten Völkern der Welt und zählen zum südlichen Zweig der Europäiden. Ihre Urahnen sind Hettiter, Chaldäer und Sumerer. Die georgische Sprache gehört zur ibero-kaukasischen Sprachfamilie und reiht sich in die kleine Zahl der ältesten lebenden Sprachen der Welt ein.

Ihre Geschichte reicht bis in eine schier unerforschliche mythische Urzeit zurück. Schon 4000 v. Chr. gab es Zeugnisse menschlicher Kultur in diesem Teil der Erde. Als geschickte Schmiede und Hüttenwerker waren die Georgier im frühesten Altertum weit über ihre Grenzen bekannt.

Vielleicht erzählt der griechische Mythos gerade deshalb, dass Prometheus, der Halbgott, der den Menschen das Feuer vom Himmel brachte, bei den Georgiern an die Felsen des Kaukasus geschmiedet wurde. Der große Reichtum des Landes an Bodenschätzen trieb schon in grauer Urzeit immer wieder Eroberer ins Land, erzählen die griechischen Sagen weiter.

Das sagenhafte kolchische Reich war der erste georgische Staat mit eigener Währung. Hier sollen der kolchische Arthemid-Tempel und der Palast des legendären Königs Ajet gestanden haben. So kam Jason in die Kolchis ans Schwarze Meer, um das Goldene Vlies, ein Sinnbild für Reichtum und Stärke, zu rauben. Die Königstochter Medea half den Argonauten, das Goldene Vlies zu erbeuten, und floh mit Jason nach Griechenland, wo sie später ihre Kinder umbrachte, um Jason wegen seiner Untreue zu bestrafen. Auf diese Weise wurde Medeas Schicksal weltberühmt. Auch heute noch wird in deutschen Theatern »Medea« aufgeführt.

Im sechsten bis vierten Jahrhundert v. Chr. entstanden auf dem heutigen Gebiet Georgiens zwei Staaten: Kolchis (an der Schwarzmeerküste) und Iberien (im Osten des Landes). In beiden Staaten entwickelten sich starke wirtschaftliche Macht und materieller Reichtum, der im ersten Jahrhundert v. Chr. das machthungrige Rom zum Überfall reizte. Mit den Römern kam im zweiten Jahrhundert das Christentum in das Land zwischen Orient und Okzident.

Die Apostel Simeon und Andreas sollen, in Vertretung der Gottesmutter, den westlichen Teil Georgiens zum Christentum bekehrt haben. Schon 337 wurde es durch die heilige Nino zur Staatsreligion erhoben. Von da an bestimmt es maßgeblich die kulturelle Entwicklung Georgiens. Bereits im 5. Jahrhundert gab es eine georgische Bibelübersetzung.

Der älteste Beleg einer ersten Kontaktaufnahme zwischen Georgiern und alten Germanen wird auf das 3. Jahrhundert n. Chr. datiert. Zu dieser Zeit gelangten die gotischen Stämme bis zum Schwarzen Meer und eroberten etwa im Jahre 250 das Territorium um die heutige Krim. Griechischen Überlieferungen zufolge kamen die alten Germanen in Kontakt mit der Kolchis. Die ersten Handelskontakte waren von Anfang an für beide Seiten vorteilhaft. Doch Konflikte blieben nicht aus. Laut den Berichten der »Neuen Geschichte« des Geschichtsschreibers Sosim (5. Jahrhundert) sind die Goten im Jahre 252 aus dem Bosporus mit den Schiffen in den Kaukasus gekommen und haben die Hafenstadt Potiunt erobert. Später wurden sie von den Römern vertrieben.

Der nächste Angriff der Goten in der Nähe von Fasis (alte Bezeichnung des Flusses Rioni) wurde von der einheimischen Bevölkerung erfolgreich erwidert und abgewehrt. Die Kolchis, unter der Herrschaft der Lasen (georgische Abstammung, heute in der Türkei lebend), war imstande, die Offensive der Goten abzuwehren, wonach sich die Germanen gezwungen sahen, nach Trabson weiterzusegeln. Es gelang ihnen, diese herrliche Stadt in ihren Besitz zu bringen.

Begriffe wie Ausländerfeindlichkeit, Fremdenhaß etc. sind in Georgien bis heute fremd, da die alte Volksweisheit zur Lebensmaxime geworden ist: »Der Gast ist von Gott gesandt.« Der christliche Glaube hat sich in der georgischen Mentalität verwurzelt. Im sechsten Jahrhundert vermehren sich in Georgien christliche Gotteshäuser. Die ganze plastische und malerische Fantasie des Volkes wird aufgewandt, um Kirchenbauten als Symbol ihrer Eigenständigkeit gegenüber der mohamedanischen Welt mächtig und reich in die Landschaft zu stellen. Dessenungeachtet oder gerade deswegen lebt das georgische Volk unter einer ständigen Bedrohung von Osten, ist das letzte westliche (christliche) Bollwerk gegenüber den orientalischen (mohammedanischen) Ländern und wird wegen seines immensen Bodenreichtums begehrtes Eroberungsobjekt der »anderen Welt«.

Im 5. bis 6. Jahrhundert gerät Georgien in persische Abhängigkeit. König Wachtang Gorgassali, der Begründer der Festungsstadt Tbilissi, befreit sein Land in schweren Kämpfen von dieser Fremdherrschaft. Aber schon Ende des 7. Jahrhunderts gilt es, sich einer neuen Invasion zu stellen, diesmal aus Arabien. Bis zum 10. Jahrhundert dauern die Befreiungsversuche, die zur Entstehung mehrerer selbstständiger Fürstentümer führen.

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Georgiern war zu jener Zeit zwangsläufig mit der Kooperation auf dem militärischen Bereich verbunden. Der stärkste König Georgiens, David der Erbauer (1089 - 1125), führte intensive Kämpfe gegen die moslemischen Eroberer und gründete ein starkes, einheitliches georgisches Reich. Im entscheidenden Kampf um den christlichen Glauben gegen die Türken, 1121 bei Didgon, standen den Georgiern Kreuzritter aus christlichen Ländern bei, darunter auch Deutsche.

Das Land entwickelte sich wirtschaftlich und kulturell rapide. Auch das Geistesleben nahm einen neuen Aufschwung: Akademiegründungen in Gelathi (das zweite Athen genannt) und Ikalto erlaubten die Konzentration geistigen Lebens und setzten Forschungen in Gang. Wissenschaft und Literatur befanden sich auf einem Stand, der in Westeuropa erst im 15 bis 16. Jahrhundert zu beobachten ist. Zu dieser Zeit entstand Schota Rustavelis Dichtung »Der Recke im Tigerfell«, das Goethe Homers »Ilias« und »Odyssee« und Dantes »Göttlicher Komödie« als gleichbedeutend zur Seite gestellt hat. Die »Reuegesänge« von David dem Erbauer, in denen der König seine Machtgier beklagt (ins Deutsche übersetzt von W. Offermanns) sollten für manche heutigen Politiker zu einem Nachschlagewerk werden!

Einen ebensolchen Höhepunkt erfuhr die Baukunst zu jener Zeit. Die Höchstblüte georgischer mittelalterlicher Kultur war erreicht. Die Zahl der Bevölkerung überstieg 13 Millionen.

Im goldenen Zeitalter Georgiens (11./12. Jahrhundert), der Zeit der Königin Thamar (1178 – 1213) und ihres Vaters Georg III., kamen die ersten offiziellen Kontakte mit Deutschen zustande. 1188, kurz nach der Scheidung der Königin vom russischen Prinzen Juri, kamen die Gesandten Friedrich I. Barbarossas (1152 – 1190) nach Georgien, um über eine Eheschließung zwischen seinem Sohn Herzog Friedrich von Schwaben und Königin Thamar zu verhandeln. Leider ist dieser erste Versuch, durch Verschwägerung eine Partnerschaft zwischen Georgien und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation ins Leben zu rufen, aus ungeklärten Ursachen gescheitert.

Das Interesse des »glorreichen« Reichs an dem kleinen Land jenseits des Kaukasus war auf militärische Ambitionen zurückzuführen. In der Epoche der Kreuzzüge war Europa daran interessiert, in Georgien eine antimoslemische Koalition zu gründen, um einen militärischen Stützpunkt an der Grenze zum Orient zu haben. Die Suche nach christlichen Allierten war die eigentlich bewegende Kraft des Interesses der Deutschen in Georgien. Durch die Bemühungen von Friedrich Barbarossa hatten die Georgier in der Zeit der Königin Thamar wechselseitige Beziehungen mit verschiedenen deutschen Stämmen. Es sollen ca. 3.000 Tempelritter als Kämpfer im Dienste der georgischen Königin gestanden haben. Diese Tatsache kann auch als Zeichen der Furcht des Westens vor dem Vorwärtsdringen der Mongol-Tataren betrachtet werden. Die ersten Überfälle dieser damaligen Supermacht wurden von den Georgiern abgewehrt. Nach dem Jahr 1230 jedoch wurde der hartnäckige Widerstand der georgischen Bevölkerung von den Unterdrückern überwunden und die Mongol-Tataren marschierten durch Georgien in Rußland ein.

Jahrhundertelange erbitterte Kämpfe ließen das ruinierte Land in mehrere Königreiche zerfallen, die darauf noch leichter von den Feinden zerschlagen werden konnten. Doch die harten Kämpfe gegen Eroberer aus dem damaligen goldenen Reich, die Goldene Horde, machten den Einzug der mongolischen Horden nach Europa unmöglich.

Auch diese Umstände gilt es zu beachten, wenn man die heutigen Unterschiede zwischen Ost und West untersucht.

Im 16. Jahrhundert bekamen Perser und Türken das Land fest in ihre Hand. Die Bevölkerung war beinahe zur Hälfte dezimiert. Schutt und Asche überall. Um eine antipersische Koalition zu schaffen, pflegte Deutschland weiterhin Kontakte mit Georgien.

Zu dieser Zeit entstand in Deutschland das Trauerspiel »Catharina von Georgien« von Andreas Gryphius (1616 –1664). Catharina, Königin von Georgien, beschützt ihr Land gegen den großen König von Persien, Schah Abas, wird aber doch von den überlegenen Persern überfallen. Sie begibt sich in das feindliche Lager und bittet um Frieden. Sie wird gefangengenommen, Schah Abas verliebt sich in sie. Als sie dem in unkeuscher Liebe entbrannten König die Ehe abschlägt und ihren christlichen Glauben nicht aufgeben will, wird sie mit glühenden Zangen gemartert. Sie steht die schreckliche Marter standhaft durch und vollendet ihr jammervolles Leben voll freudiger Geduld auf dem feurigen Holzstoß. Dieses Werk wurde von Prof. Hermann Wedekind für die heutige Zeit bearbeitet und in vielen Ländern aufgeführt, als Friedens-Appell für die ganze Welt.

Das georgische Thema zeigt sich in der deutschen Literatur schon im 13. Jahrhundert. Wolfram von Eschenbachs »Parzival«, Albrechts »Ortnit«, »Reinfrid von Braunschweig« und »Jüngerer Titurel« liefern erste Angaben über den Kaukasus, hauptsächlich über die Gewinnungsverfahren der Edelmetalle. Die »Historia von Dr. Johann Fausten« aus dem 16. Jahrhundert berichtet über den Aufenthalt von Faust und Mephisto in Kaukasien (»Vom Paradies«).

Viele prominente deutsche Persönlichkeiten haben über Georgien geschrieben: Oswald von Wolkenstein (Minnesänger aus dem 14. Jahrhundert) – Johann Schiltberger: Seine nach zwei Reisen durch Georgien Anfang des 15. Jahrhundert entstandene Schrift »Reise durch Europa, Asia und Afrika« gibt aufschlußreiche Informationen über Georgien im Zeitraum zwischen 1397 und 1427 – Salomon Schweiger (1551 –1622): »Die neuen Schriften über die Reise von Deutschland bis Konstantinopel und Jerusalem« – Adam Olearius (1599 –1671): »Ausführliche Beschreibung der kundbaren Reise nach Moscow und Persien« (über die in Persien lebenden Georgier) – Eberhardt Werner Hapel (1647 – 1690): »Thesaurus Exodikorum, oder eine kurze Vorstellung aller Nationen und Königreiche in Asia, Africa und America« (Hamburg, 1688).

Ein unbekannter deutscher Autor verfasste 1755 die Schrift »Die Nachricht über die Auseinandersetzung zwischen Persien und Georgien, mit der Genealogiedarstellung und Lebensschilderung des Königs Erekle II« (Frankfurt a. M.). Gotthold Ephraim Lessing lässt in »Minna von Barnhelm« den deutschen Kaiser den georgischen König Erekle II. beschreiben als »den großen Helden im Morgenland«, »den braven Mann«. Diese Einschätzung zeigt das Echo, welches die militärische und politische Tätigkeit Erekles in Europa hatte.

Einer besonderen Erwähnung bedarf Jakob Reinegs (»Jakob Bey«) aus Eisleben (1743 – 1781). Er war bei Erekle II. als Berater zur Förderung der Bergbautechnik, zur Waffenherstellung und zur Vervollkommnung der Drucktechnologie tätig. Seine Tätigkeit erwies sich als besonders nützlich für Georgien, er war zudem ein hervorragender Arzt und Historiker. Sein Lebenswerk »Historisch-typologische Beschreibung des Kaukasus« wurde in Berlin 1786/97 in zwei Bänden veröffentlicht.

Johann Anton Güldenstedt (Mitglied der Wissenschaftlichen Akademïe zu St. Petersburg, 1745 – 1781), stellte während einer Reise durch den Kaukasus das typologische Wörterbuch kaukasischer Völker zusammen: »In Rußland und kaukasischem Gebirge« (in 2 Bänden).

Die Sage von den Argonauten wurde im 18. Jahrhundert von Maximilian Klinger geschildert (»Medea in Korinth«, »Medea auf dem Kaukasos«). Aus einem Brief Friedrich Schillers an Goethe vom 28. August 1798 wird ersichtlich, dass Schiller die Geschichte von Medea zu bearbeiten beabsichtigte. Dem Argonauten-Thema hat sich im 19. Jahrhundert auch Franz Grillparzer zugewandt (»Das Goldene Vlies«).


© 1996 Verlag für Entwicklungspolitik Saarbrücken GmbH

Dies ist das einleitende Kapitel zum Buch »Chronik einer Freundschaft«
20 Jahre Städtepartnerschaft Saarbrücken – Tbilissi – 10 Jahre Saarländisch-georgische Partnerschaft
hrsg. v. d. Landeshauptstadt Saarbrücken, 266 S., zahlr. Fotos
Saarbrücken 1996, ISBN 3-88156-775-8, Verlag für Entwicklungspolitik Saarbrücken GmbH

1975 schlossen Saarbrücken und die georgische Hauptstadt Tbilissi als erste Städte Deutschlands und der UdSSR einen Partnerschaftsvertrag. Im Frühjahr 1995, anläßlich des Jubiläums, stellte die Landeshauptstadt Saarbrücken eine Chronik dieser Städtepartnerschaft vor, die auch die 10 Jahre alte Länderpartnerschaft Saarland – Georgien behandelt. Die Chronik bietet umfangreiche dokumentarische Materialien sowie historische Betrachtungen über die Situation in und die Beziehungen zu einem Land, das eine der interessantesten und ältesten Geschichten Europas aufzuweisen hat, eine der reichsten Republiken der Sowjetunion war und zwischenzeitlich auf den Status eines Entwicklungslandes zurückgefallen ist. Sie wurde für diese Ausgabe überarbeitet und bis Ende 1995 fortgeführt. 
Doz. Dr. Tamas Gvenetadze, geboren 1956 in Kutaissi, war von 1989 bis 1994 Dekan der Fakultät für europäische Sprachen und Literaturen der A. Zereteli Universität Kutaissi; seit 1993 ist er Prärektor des Instituts für Rechts- und Literaturwissenschaft Kutaissi sowie Dozent des Lehrerfortbildungsinstituts Kutaissi. Er studierte Germanistik, Geschichte und Gesellschaftswissenschaften in Kutaissi und Jena; von ihm liegen zahlreiche Übersetzungen aus dem Deutschen ins Georgische vor sowie 15 wissenschaftliche Veröffentlichungen.